Die Kunst zu gewinnen: Was Anleger von Moneyball lernen können
Seit diesem Jahr stehen uns US-Aktienmarktdaten in Forschungsqualität aus 100 Jahren zur Verfügung. Welche Bedeutung dieses Jubiläum hat, wird sehr gut an dem Film „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“ deutlich.
Billy Beane, General Manager der Oakland A‘s und Protagonist des Films, will mit einem winzigen Budget ein Team aufstellen, das um die Meisterschaft mitspielen kann, nachdem viele seiner größten Stars zu anderen Teams gewechselt sind. Wie schafft er das? Mit Daten! Die Oscar-nominierte Verfilmung des Buches von Michael Lewis mit Brad Pitt in der Hauptrolle basiert auf einer wahren Geschichte, Lewis verbrachte für die Recherche sogar Zeit mit dem echten Beane und seinem Baseballteam.
Beane löste sich von den konventionellen Weisheiten seiner Branche und ging eigene Wege. Für die Zusammenstellung seines Teams verließ er sich auf modernste statistische Analysen – echte Daten statt Bauchgefühl. Und wie sich herausstellte, hatte der Sport bis dahin alles falsch gemacht.
Etwas Ähnliches passierte in den Sechzigerjahren an der Universität Chicago, wo das Center for Research in Security Prices erstmals verlässliche Börsendaten sammelte, die bis ins Jahr 1926 zurückreichten (allerdings ohne Beteiligung von Brad Pitt).
Als Doktorand an der Universität Chicago hatte ich damals das Glück, bei der Finanzrevolution in der ersten Reihe zu sitzen. Zu meinen Lehrern zählten Koryphäen wie der spätere Nobelpreisträger Eugene Fama, dessen erste Vorlesung mein Leben veränderte. Die Ideen, mit denen ich damals in Berührung kam – und die ich später in echten Portfolios umsetzen wollte – haben das Leben von Millionen von Menschen verbessert.
Bevor es diese Daten gab, wusste niemand, welche Renditen der Aktienmarkt eigentlich abwirft. Die Leute hatten ihre Meinung, doch ohne Daten waren Meinungen im Wesentlichen ein Ratespiel.
Und wie sich herausstellte, waren die Aktienmarktrenditen höher als gedacht. Tatsächlich konnten viele berühmte „Stock Picker“ nicht mit dem Markt mithalten – die Investmentwelt hatte alles falsch gemacht.
Seit diesem Wendepunkt haben wir einige wertvolle Lektionen gelernt, die mich auch für die nächsten 100 Jahre optimistisch stimmen.
Lektion Nr. 1: Insider wissen nicht mehr als Outsider
Die Professoren Jim Lorie und Larry Fisher von der University of Chicago haben das CRSP gegründet, um eine einfache Frage zu beantworten: Welche Rendite haben Aktien tatsächlich abgeworfen? Tatsächlich wusste damals niemand, ob der durchschnittliche Anleger eigentlich Geld verdient oder verloren hatte.
Lorie und Fisher haben fast vier Jahre mit der Erfassung und Standardisierung von Daten verbracht und zwischen zwei und drei Millionen Einträge auf Magnetbändern zusammengetragen, die abgespult 3,5 Meilen lang gewesen wären. Diese Daten wurden dann in einen damals neuartigen Computer eingespeist. 20 Minuten später war die simple Frage zur Aktienrendite beantwortet, und die Antwort hat wirklich alle überrascht:
Zwischen 1926 und 1960 hatten Aktien eine jährliche Rendite von etwa 9% abgeworfen – viel mehr als allgemein angenommen.
Michael Jensen, damals Volkswirt an der Universität von Rochester, nutzte die Daten, um die Wertentwicklung einzelner Fonds zwischen 1945 und 1964 zu analysieren. Das Ergebnis: Der durchschnittliche Fonds konnte keine Mehrrenditen gegenüber einem marktweiten Buy-and-Hold-Portfolio erzielen. Tatsächlich fanden sich kaum Anhaltspunkte dafür, dass ein einzelner Fonds eine höhere Rendite erzielte, als es durch reinen Zufall zu erwarten wäre.
Nach 100 Jahren erzählen die Daten immer noch dieselbe Geschichte, nur ist das Bild sogar noch deutlicher: In den vergangenen 100 Jahren sind Aktien um rund 10% pro Jahr gestiegen.
Was bedeutet das für den durchschnittlichen Anleger?
Man muss kein Insider sein um gute Anlageergebnisse zu erzielen und es hat sich zudem gezeigt, dass Experten nicht mehr wissen als die kollektive Weisheit der Masse.
Man kann gewinnen, ohne schlauer zu sein als der Markt. Marktähnliche Portfolios stehen heute jedem Anleger in diversen Ausführungen zur Verfügung.
Lektion Nr. 2: Setzen Sie auf menschlichen Einfallsreichtum
Wenn ich über diese Daten spreche, höre ich immer dieselbe Frage: Wie kommt es, dass der Markt derart hohe Renditen abwirft?
Zum Teil sind strukturelle Faktoren für die Marktrenditen verantwortlich: Das System schafft eine Ordnung, die eine faire Preisfindung ermöglicht. Es beruht auf rechtsverbindlichen Vereinbarungen, Anlegerschutz und Transparenz. Anleger profitieren von riesigen Handelsvolumen, soliden Rechnungslegungsstandards und einem harten Wettbewerb unter fairen Bedingungen.
Doch auch die Unternehmen selbst spielen eine Rolle: Unternehmen begeben Aktien, um Kapital zu beschaffen und zu wachsen. Und genau in dieses Wachstumspotenzial investieren Anleger.
In Tausenden Unternehmen arbeiten Millionen von Menschen jeden Tag daran, Produkte und Dienstleistungen zu verbessern und Kosten zu senken. Dabei passen sie sich immer wieder an eine Welt im kontinuierlichen Wandel an. Die Zukunft lässt sich nie vorhersagen, und nicht jedes Unternehmen wird erfolgreich sein. Doch das bestehende Anreizsystem belohnt Innovation und Problemlösung.
Dieses Streben nach Verbesserung ist der Motor der Marktrendite. Wer in den Markt investiert, investiert in Wirklichkeit in menschlichen Ideenreichtum.
Lektion Nr. 3: Anlegerverhalten macht den Unterschied
Wer eine Rendite von 10% pro Jahr abschöpfen und dabei vom Zinseszins profitieren will, muss langfristig denken.
Stellen Sie sich zum Beispiel vor, sie hätten vor 100 Jahren 1.000 Dollar in einen hypothetischen Marktindex investiert. Dann wäre Ihr Portfolio Ende 2025 17,1 Millionen US-Dollar wert gewesen. Betrachtet man die rollierenden 10-Jahres-Zeiträume der vergangenen hundert Jahre, dann hätten geduldige Anleger, die ein Jahrzehnt lang am Markt geblieben wären, in etwa neun von zehn Fällen einen realen Gewinn erzielt. Ausdauer zahlt sich aus.
Was sich leicht sagt, ist jedoch in der Praxis schwer zu befolgen – vor allem dann, wenn man daran denkt, was in den letzten hundert Jahren so alles an Weltkriegen, wirtschaftlichen Zusammenbrüchen usw. passiert ist. Es ist schwer, die Ruhe zu bewahren, wenn sich die Märkte scheinbar chaotisch verhalten: In einem Jahr steigen die Kurse um 25%, im nächsten Jahr fallen sie um 30%.
Ein Blick auf die Daten der letzten 100 Jahre hilft, das Signal auch dann zu erkennen, wenn das Rauschen zu laut wird. Die Geschichte lehrt uns, dass man nicht beständig schlauer sein kann als der Markt, dass kurzfristige Schwankungen unvermeidlich sind und dass langfristige Disziplin belohnt wird.
Spoiler-Alarm: Beane hat zwar nicht die World Series gewonnen, aber er hat das Talentscouting verändert. Lorie und Fisher haben dasselbe erreicht: Wer heute investiert, sucht nicht länger nach der heißesten Aktie und hofft noch nicht einmal auf ein großartiges Jahr, sondern strebt verlässliche Renditen über ein ganzes Leben an.
Jeder kann in den Markt investieren und seine Finanzziele umsetzen. Dazu muss man nur auf den Ideenreichtum der Menschen setzen und sich ihre Kreativität und ihre Resilienz zu Nutzen machen. Solange man Disziplin wahrt.
Das ist die Lehre, die ich aus den Daten der letzten 100 Jahre ziehe. Und ich gehe davon aus, dass uns die Daten in den nächsten 100 Jahren dasselbe sagen werden.
Eine frühere Version dieses Artikels erschien zuerst in Fortune.
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